Nach der Betrachtung des MUSE-Prozesses in der Lehrveranstaltung von Hubert Weitzer zum Thema Storytelling sollten wir diesen anhand von Beispielen nachvollziehen. Meine Analyse zeigt für das Video “The Ocularist - Restoring Windows to the Soul” die einzelnen Elemente des MUSE-Prozesses auf.

Der Prozess des MUSE Storytelling

MUSE ist ein Prozess zum Entwickeln von Geschichten, die eine sehr effektive und leistungsfähige Art der Kommunikation darstellen. Der Prozess basiert auf den vier Grundelementen, die eine gute Geschichte — d. h. eine Geschichte, an die man sich erinnert, die interessant und sympathisch ist und die die von der Erzählerin gewünschte Botschaft transportiert — ausmachen:

  • Die Personen erzeugen eine emotionale Verbindung zum Zuseher.
  • Die Plätze an denen eine Geschichte stattfindet, sollen die Authentizität und Vertrauen vermitteln.
  • Der Plan formuliert die Botschaft, die die Erzählerin der Geschichte vermitteln möchte, sowie den Mehrwert, der dem Publikum geboten wird.
  • Der Plot definiert die Struktur der Geschichte, sodass ein Spannungsbogen aufgebaut wird, der die Zuschauerinnen bei der Geschichte hält.

Das Beispiel: “The Ocularist”

Anhand des MUSE-Storytelling-Prozesses habe ich das Video “The Ocularist: Restoring Windows to the Soul” analysiert. In diesem Kurzfilm geht es um den Okularisten David Gougelmann, der in der Herstellung von Augenprothesen mehr als nur eine kosmetischen Aufgabe sieht. Ihm geht es ganz besonders darum, dass Menschen sich wieder “ganz” fühlen. Damit dies gelingt, ist er leidenschaftlich darum bemüht, eine perfekte Illusion eines Auges zu erschaffen.

Die Person: David Gougelmann

Das Herz der Geschichte ist David Gougelmann, dessen Begehren es ist, Menschen durch das Anpassen einer Augenprothese wieder “ganz” zu machen und ihnen ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben. Als Komplexität bzw. Schwierigkeit stellt sich für Gougelmann die Herstellung von natürlich aussehenden Prothesen und der Umgang mit Menschen mit schwachen Selbstvertrauen dar. Die Einzigartigkeit des Charakters zeichnet sich durch die Besonderheit und Unbekanntheit seines Berufs aus.

Die Plätze

Im Video sind einige Plätze bzw. Objekte zur Person (und der Geschichte von) David Gougelmann erkennbar, die ihn und seine Arbeit charakterisieren:

  • Seine Werkstatt ist klein und zeigt damit, dass Gougelmann allein arbeitet, d. h. die Fertigung von Augenprothesen ist keine Massenproduktion.
  • Die Lade mit fertigen Prothesen zeigt, wie sorgsam er mit den Produkten umgeht.
  • Das Vergleichen mit dem vorhandenen Auge der Klientin zeigt, dass Gougelmann seine Prothese täuschend echt fertigen möchte.
  • Das Gestalten der individuellen Iris ist eine künstlerisch schwierige Präzisionsarbeit.
  • Das Schleifen für das Funkeln im Auge spiegelt ebenfalls den Perfektionsdrang wider, weil damit das Funkeln im Auge hergestellt wird.
  • Die fertige Prothese und dessen Umgang damit zeigt, wieviel Respekt Gougelmann seiner Arbeit und den Klientinnen entgegen bringt.

Der Purpose

Die Botschaft bzw. der Mehrwert der Geschichte ist mit Hilfe des MUSE Purpose Mad Lib (eine Art Lückentext) festgehalten.

Unsere Geschichte soll Menschen berühren, damit sie erkennen, wie wichtig einzigartige Berufsgruppen sind und welchen Mehrwert sie leisten.
Um das zu erreichen, sollte der Inhalt interessant, informativ, und bewusstseinsbildend sein.
Aufgrund unseres Inhalts fühlen sich die Menschen überrascht und fasziniert, somit sind sie eher bereit, sich auf Unbekanntes einzulassen und mit anderen darüber zu sprechen, damit wir den Wert eines seltenen Berufsbildes hervorheben und dessen Erhaltung erreichen.

Der Plot

Der Plot ist in die Teile Hook (Beginn), Aufgabe, Annahme, Hürden, Antwort und Jab (Ende) gegliedert.
Das Video beginnt mit einer Detailaufnahme einer Augenprothese, eines eher intimen und ungewöhnlichen Objektes (Hook). Dadurch ist das Interesse der Zuseher/innen geweckt und man lernt den Charakter (David Gougelmann) und dessen Aufgabe — das Wiederherstellen des Selbstwertgefühls seiner Klientinnen — kennen. Er nimmt die Aufgabe an, indem er nach Perfektion strebt. Jene Perfektion, die seinen Klientinnen die Sicherheit gibt, dass niemand ihre Prothese bemerkt und ihnen damit ihre Selbstsicherheit zurückgibt. Die Hürde auf diesem Weg zur Perfektion ist die schwierige Herstellung der Prothesen in mühevoller Handarbeit, indem die Irisfarben und ihre Strukturen mit Farbe und Pinsel auf eine anfänglich schwarze Scheibe aufgemalt werden. Das Video endet mit der Aussage, dass mit einer solchen Prothese Menschen sich wieder bereit dazu fühlen, die Aufgaben des Lebens zu meistern (Jab).

Die Conclusion

Die Produzenten hinter dem YouTube-Kanal “A Great Big Story” haben es mit diesem kurzen Video (1 Minute 57 Sekunden) geschafft, den Zuschauerinnen einen sehr guten Einblick in die Tätigkeit und die Motivation des Okularisten zu geben. Es ist informativ und interessant weil der Charakter einen sehr unbekannten Beruf ausübt. Auch wenn wir natürlich nicht wissen, ob die Produzentinnen den MUSE Storytelling-Prozess verwendet haben, erkennt man anhand der Analyse sehr gut, dass alle wichtigen Komponenten einer guten Geschichte enthalten sind und damit das Video gut “funktioniert”.

Die Analyse als Präsentation