Content muss Menschen berühren, also will Storytelling gelernt sein. Hubert Weitzer zeigt in seiner Lehrveranstaltung mit dem MUSE Storytelling Prozess, wie man das strategisch angehen kann.

“Geschichte ist nicht ‘exakte Wissenschaft’ – sie ist eine humanistische Disziplin. Ihr Hauptgegenstand sind Menschen, und Geschichte ist, wie Thukydides vor langer Zeit sagte, das Studium nicht von Umständen, sondern von Menschen in Umständen.” 1

Dies gilt in gleicher Weise für Historie (“history”) wie für Erzählung (“story”), was im deutschen Sprachraum beides unter dem Begriff Geschichte zusammengefasst wird.2

Die Geschichte des Storytellings reicht weit zurück und diente immer dem Zweck, Wissen weiterzugeben, es haltbar zu machen und so neue Errungenschaften der Nachwelt zu hinterlassen. Ob sie als Höhlenmalerei visualisiert oder am Lagerfeuer verbal weitergegeben wurden, Geschichten halfen dabei, Erfindungen zu behalten und das Rad nicht immer neu erfinden zu müssen.3

Einen “Bauplan” für Geschichten entwarf schließlich Aristoteles, der sich rund 350 v. Chr. in seiner Poetik mit dem Aufbau und der Handlung von Dichtung beschäftigte und damit grundlegend die Entwicklung des europäischen Dramas beeinflusste.4
Gustav Freytag griff in seiner Technik des Dramas 1863 auf diesen Aufbau zurück und zeigte den pyramidalen Aufbau der Handlung.5

Geschichten erzählen liegt immer im Trend

Was uns heute im Kino begeistert, geht vielfach auf Joseph Campbells Heldenreise zurück. Er analysierte dabei die Mythen verschiedener Kulturkreise und zeichnete aus dem gefundenen Muster ein 17-stufiges Modell. Christopher Vogler adaptierte schließlich das Dramenmodell für den Film. So basieren etwa “Star Wars”, “Das Schweigen der Lämmer”, “Findet Nemo”, aber auch “Pretty Woman” auf Campbells Heldenreise.6

Ist es früher beim Geschichten erzählen um Wissensweitergabe gegangen, steht heute klar Unterhaltung im Vordergrund. Davon freilich ausgenommen sind Natur- und Umweltdokumentationen, die aufwändig inszeniert sind, doch hauptsächlich der Information dienen. Ernährung, Verschmutzung, Klimawandel – je komplexer das Thema, desto schwieriger ist es, zu symptomatisieren und Geschichten zu erzählen.

Damals und heute

Gerade bei der Suche nach Informationen wird die Veränderung der letzten Jahrzehnte deutlich. Musste man früher noch gezielt in Büchern blättern und nach den benötigten Inhalten suchen, bekommt man heute auf Knopfdruck eine Flut an möglicherweise passenden Ergebnissen. Wer sich vor zwanzig Jahren einen Film ausleihen wollte, trat den Gang zur Videothek an – heute streamen täglich Millionen von Menschen ihre Blockbuster direkt von Netflix, Amazon Prime und Co. Und das per Knopfdruck.

Es wird immer wichtiger, wie Information aufbereitet wird. So soll sie den Suchenden schließlich befriedigen. Gerade wenn es um Unterhaltung geht, will der Konsument gefesselt und emotional involviert werden. Reichten Anfang der fünfziger Jahre noch relativ einfache Handlungsstränge, weil das Medium Film an sich einfach faszinierte, muss heute schon mehr aufgeboten werden, um Zuseher bei der Stange zu halten.

Es kommt also immer mehr darauf an, Geschichten gut zu erzählen, als nur gute Geschichten zu erzählen. Die Storytelling Prämisse lautet daher: “Geben, nicht nehmen”

Speak to the heart to move the mind

Um Geschichten gut zu erzählen, haben Patrick & Amina Moreau und Joyce Tsang das MUSE Storytelling Modell entwickelt. Darunter versteht man einen Prozess, der auf vier Säulen aufbaut und das Schaffen von starken Geschichten erleichtert. Diesen Säulen, nämlich “People/Personen” (Link zum Blogpost zur letzten LV), “Places/Plätze”, “Purpose/Plan” und “Plot”, kommt spezielles Augenmerk zu, da dies die Eckpunkte sind, die eine Geschichte ausmachen.

Das Konzept von MUSE ist eigentlich ganz einfach: “Speak to the heart to move the mind.”7
Um so das Potential von Geschichten voll ausnutzen zu können, muss ein guter Geschichtenerzähler auch ein guter Zuhörer sein. Der zentrale Aspekt ist, immer das Herz anzusprechen.

Places: Wo schlägt das Herz?

Die große Prämisse beim Erzählen ist das Beschreiben von Situationen. Ein Ort gibt dem Publikum Authentizität, wirkt real, man sieht sich eingebunden und kann mitfühlen. Unerwartete Schauplätze schaffen Spannung.8

Der MUSE-Prozess zeigt vier Ebenen für Plätze

  • Umgebung – Wo spürt man den Charakter? Umgebung lässt sich gut beschreiben, auf diese Weise kann man den Charakter besser spüren.
  • Objekte: Gemeint sind damit Symbole, die Personen, Plan und Plot widerspiegeln und die Situation damit unverwechselbar machen.
  • Situationen: Show, don’t tell. Das besondere Augenmerk hier erlaubt, eine Geschichte zu erleben und nicht nur erzählt zu bekommen.
  • Zeitpunkt: Auch das ist wichtig, weil der richtige Zeitpunkt auf den Charakter wirkt oder anders gesagt, der Charakter auch durch den gut gewählten Zeitpunkt zur Geltung gebracht werden kann.

Um nun wirklich die Stimmung an den einzelnen Schauplätzen einfangen zu können, kann man sich mit folgenden Fragestellungen annähern:

  • Welches Objekt oder Symbol zeigt die Einzigartigkeit?
  • Zu welcher Uhrzeit spürt man den Antrieb?
  • Welche Situation spiegelt die Komplexität wider?

Die Hauptaufgabe besteht darin, herauszuarbeiten, wo das Herz der Geschichte schlägt und den Zusehern, -hörern, oder Lesern die Möglichkeit zu bieten, eigene Schlüsse zu ziehen.

Hat man die wichtigsten Schauplätze gefunden und genau ausgestaltet, geht die Geschichte nun damit weiter, sich den eigenen Konflikten zu stellen.9


  1. Craig, Gordon A. (1981). Dankesrede zur Verleihung des Historikerpreises der Stadt Münster. 
  2. vgl. Sammer, P. (2014). Storytelling (1. Aufl.). O’Reilly. S.18f 
  3. vgl. Sammer, P. (2014). Storytelling (1. Aufl.). O’Reilly. S.20 
  4. vgl. Söffing, W. (1981). Deskriptive und normative Bestimmungen in der Poetik des Aristoteles. B.R. Grüner Amsterdam. S.8 
  5. vgl. Freytag, G. (1863). Die Technik des Dramas. S. Hirzel. S.100 
  6. vgl. http://www.die-schreibtrainerin.de/heldenreise-als-dramenmodell/ 
  7. http://nofilmschool.com/2015/06/excerpt-from-muse-comprehensive-process-impactful-storytelling 
  8. vgl. http://nofilmschool.com/2015/06/excerpt-from-muse-comprehensive-process-impactful-storytelling 
  9. vgl. http://stillmotionblog.com/buildyourplot/ 

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