Wer etwas zu sagen hat, wünscht sich, dass die Botschaft ankommt, verstanden wird und etwas auslöst. Spannend wird es, wenn ich die Zuschauer berühre und sie für meine Sache gewinne. Storytelling ist mehr als eine Aneinanderreihung von Ereignissen. MUSE Storytelling verbindet mich mit Menschen.

Speak to the heart to move the mind – Eine Filmanalyse

Gute Geschichten bauen auf das MUSE-Prinzip. Das folgt aus den neuesten Erkenntnissen internationaler Forschung, die wir COS-Studenten an der FH Joanneum Graz im Masterstudiengang Content Strategie lernen anzuwenden. Hier unterrichtet Hubert Weitzer „Crossmediales Storytelling“ auf Basis seiner langjährigen Erfahrung als Filmemacher und Mitentwickler von MUSE. Die Abbildung zeigt die wesentlichen vier Elemente dieses Prinzips: People, Places, Purpose und Plot. Ich untersuche in meinem gewählten Beispielfilm, inwieweit das Grundschema von MUSE mit seinen vier P`s vorliegt und  wie es dadurch gelingt, beim Zuschauer bestimmte Wirkungen bzw. Stimmungen zu erzeugen.

Die vier P's von MUSE

Die vier P’s von MUSE

Beispielfilm für MUSE Storytelling: Portrait of an Artist

In dem Kurzfilm von Guido van Helten und Selina Miles geht es um den australischen Künstler Guido van Helten selbst, der nach Island reist, um ein besonderes Kunstwerk in ungewöhnlicher Umgebung zu schaffen. Er soll den Bug des Fährschiffs Saefari verschönern. Das ist das einzige Schiff, welches die Bewohner der nördlichsten Insel Grimsey mit dem Festland verbindet. Der Anspruch ist hoch, denn van Helten versucht, die Umgebung und die Lebensweise der Bewohner in seinem Kunstwerk auszudrücken.

Slideshow zur Filmanalyse nach MUSE

1.People = Person

Besitzt die Hauptperson einen starken Charakter?

Das ist immer dann der Fall, wenn ich als Zuschauer seine Wünsche und Beweggründe (Desire) kenne. Wenn mir klar ist, wo die Besonderheit dieses Menschen (Uniqueness) liegt. Und wenn zudem ein Problem, ein Konflikt oder ähnliches im Umfeld dieser Person besteht, dann beginnt sie zu leben und erhält ihren eigenen, unvergleichbaren Charakter.

Beispielperson in Portrait of an Artist, siehe Slide 2

Ja, als Hauptperson besitzt Guido van Helten diesen unverwechselbaren Charackter. Ich kenne den Wunsch (Desire) des Künstlers und ich weiß, was ihn einzigartig macht (Uniqueness).  Guido van Helten sucht das Abenteuer in Island. Er möchte ein ungewöhnliches Kunstwerk schaffen. Und die Geschichte verrät, welchen hohen Anspruch (Complexity) er an sich selbst stellt. Es ist der Versuch vorzudringen, in die Seele der Menschen.

2. Places = Plätze

An welchen Orten wirkt der Charakter echt und lebendig? Welcher Gegenstand ist typisch?

Beispielplätze in Portrait of an Artist, siehe Slides 3, 4, 5, 6, 7

Die Spraydosen - Filmausschnitt Portrait of an Artist

Die Spraydosen – Filmausschnitt Portrait of an Artist

  • Die Spraydosen, siehe Slide 4: Für den Künstler stehen seine verschmierten Spraydosen. Er füllt sie selber auf.
  • Schiffsbemalung, siehe Slide 5: Ein Abenteuer an einem ungewöhnlichem Ort.
  • Nordisland: Ein einzigartiger Seeweg zu Islands nördlichster Insel Grimsey
  • Arbeiten in der Nacht, siehe Slide 6: Der Maler arbeitet 48 Stunden lang unter Extrembedingungen gegen schlechtes Wetter und Linien-Fahrpläne.
  • Ein Bild von und für Island, siehe Slide 7: Das fertige Kunstwerk auf dem Schiffsrumpf fasziniert und berührt.

3. Purpose = Plan

Was ist die Botschaft der Geschichte, was möchte der Film ausdrücken? Fühle ich mich danach gut gestimmt, bin ich nachdenklich, fühle ich mich gar veranlaßt, etwas bestimmtes zu tun (Call-to-Action)?

Beispielplan Portrait of an Artist, siehe Slide 8

Das Schiff Saefari erzählt Geschichten über den Norden Islands und das einsame Inselleben. Die Schiffsfahrernation Island führt ein rauhes Leben. Menschen sterben auf hoher See. Niemand wird je vergessen, auch wenn ihn das Meer verschlingt und schweigt. Beeindruckt und gerührt verweilt der Zuschauer vor dem Kunstwerk und spürt geradezu die Kräfte der Natur.

4. Plot = Handlung

Entspricht der Zeitablauf der MUSE-Struktur? Das Modell gibt bestimmte Zeitintervalle für Anfang, Mitte und Ende vor. So liegt der ideale Einstieg mit Hook, Problemstellung und Annahme der Aufgabe bei den ersten 25 Prozent der gesamten Filmzeit. Im Mittelteil erlebt die Hauptperson in der Regel alle Hürden, Umwege und Ereignisse, die ihn daran hindern, seine Aufgabe zu erfüllen. Der Zuschauer weiß währenddessen noch nicht, ob das Ziel erreicht wird. Der Ausgang der Geschichte ist offen. So bangt der Zuschauer mit und bleibt gespannt auf das Ende. Dieses Auf und Ab passiert innerhalb der Hälfte der Zeit, also von 25 bis 75 Prozent der Erzählzeit. Erst danach kommt es zur Auflösung und somit zum Schluss der Geschichte.

Anfang der Geschichte, liegt hier bei 0 bis 25 Prozent des Filmablaufes

Die Story beginnt mit dem „Hook“, dieser soll die notwendige Aufmerksamkeit schaffen und den Zuschauer in die Geschichte hineinziehen „Wenn der Hook funktioniert, will dein Zuschauer mehr wissen von dir und deiner Sache“, erklärt mir mein Dozent Hubert Weitzer über Crossmediales Storytelling. Dann erfährt der Zuschauer, um welche „Aufgabe“ es im Film geht. Der Anfang endet mit der „Annahme“ der Aufgabe durch unseren Helden.

Mitte der Geschichte, liegt hier zwischen 25 bis 75 Prozent des Zeitablaufes

Im Hauptteil bewältigt unser Held die unterschiedlichsten Hürden. Hier zeigt sich sein Weg, um die Aufgabe zu bewältigen. Der Mittelteil macht 50 Prozent der Erzählzeit aus.

Ende der Geschichte, liegt hier bei 75 bis 100 Prozent des Zeitablaufes

Ob unser Held ans Ziel kommt oder scheitert und wie die Geschichte ausgeht, erfahren wir im Schlussteil. Dieser beginnt nach 75 Prozent der Erzählzeit. Ist die „Antwort“ zu früh, steigt der Zuschauer vorzeitig aus. Kommt die Antwort zu spät, dann auch. Mit dem „Jab“ schließe ich meine Geschichte. Er vermittelt meine Botschaft und hinterlässt ein Gefühl beim Betrachter. Es kann auch eine Aufforderung sein, etwas bestimmtes zu tun.

 

Beispielplot Portrait of an Artist, siehe Slide 9

Element Beschreibung
Hook

 

Der Straßenkünster Guido van Helten bricht zu einer Abenteuerreise nach Island auf. Er möchte die atemberaubende Natur zusammen mit seiner Malerei erleben. Wie ist das möglich?
Aufgabe

 

Guido van Helten soll ein Kunstwerk auf den Bug eines isländischen Fährschiffes malen.
Annahme

 

 

 

Das Schiff ist die einzige Verbindung zwischen dem Festland und der nördlichsten Insel Islands. Der Künstler möchte diese Einzigartigkeit mit seinem Werk ausdrücken und einen Bezug zur isländischen Kultur und Lebensweise herstellen. Sein Anspruch an sich selbst ist sehr hoch. (1:50 Minute)

 

Hürden

 

 

Nur zwei Tage Zeit am Wochenende, ehe das Fährschiff wieder im Einsatz ist, kaltes und windiges Wetter, Kosten, Fertigstellung in der Nacht. (4:20 Minute)

 

Antwort

 

 

Die überwältigende Natur, Geld und Egoismus sind nichtig. Es geht ums Überleben

im Einklang mit der Natur. (4:20 Minute)

Jab Die Schiffsfahrernation Island überlebt trotz widriger Lebensumstände.

Bei meiner Analyse des Kurzfilms „Portrait of an Artist“ stelle ich fest, dass alle vier Elemente des MUSE-Prozesses, also People, Places, Purpose und Plot vorliegen. In der Story finde ich ebenfalls die empfohlene MUSE-Struktur wieder. Beim ersten Anschauen hat mich der Film sehr berührt und ich hatte das Bedürfnis, diese schönen Eindrücke über das Land Island und den Ausnahmekünstler Guido van Helten an meine Freunde weiter zu empfehlen. So sehr bin ich von dieser Geschichte begeistert. Mein persönliches Erlebnis als Zuschauer und meine Feststellungen bei der Untersuchung des Films, führen mich zu der Annahme, dass der MUSE-Prozess ein hilfreiches Instrument für die Kreation von starken Geschichten ist. Ob das wirklich immer und überall funktioniert, wird sich im Verlauf weiterer Filmanalysen nach diesem Raster bestätigen bzw. andere neue Erkenntnisse zur Erstellung von Geschichten hervorbringen. Ich freue mich darauf, eigene Storys mit diesem Modell zu entwerfen und bin gespannt auf das Ergebnis.

 

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